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In
dieser Nacht war das kleine Mädchen sehr unruhig. Immer wieder dachte
es an den traurigen Baum und ,schlief schließlich erst ein, als bereits
der Morgen zu dämmern begann. Natürlich verschlief das Mädchen an
diesem Morgen. Als es endlich aufgestanden war, wirkte sein Gesicht
blaß und stumpf. ,,Hast du etwas Schlimmes geträumt", fragte der Vater.
Das Mädchen schwieg, schüttelte dann den Kopf. Auch die Mutter war
besorgt: ,Was ist mit dir?" Und da brach schließlich doch all der
Kummer aus dem Mädchen. Von Tränen überströmt stammelte es: ,,Der
Baum! Er ist so schrecklich traurig. Darüber bin ich so traurig.
Ich kann das alles einfach nicht verstehen." Der Vater nahm die Kleine
behutsam in seine Arme, ließ sie in Ruhe ausweinen und streichelte
sie nur liebevoll. Dabei wurde ihr Schluchzen nach und nach leiser
und die Traurigkeit verlor sich allmählich. Plötzlich leuchteten die
Augen des Mädchens auf, und ohne daß die Eltern etwas begriffen, war
es aus dem Haus gerannt. Wenn ich traurig bin und es vergeht, sobald
mich jemand streichelt und in die Arme nimmt, geht es dem Baum vielleicht
ähnlich - so dachte das Mädchen. Und als es ein wenig atemlos vor
dem Baum stand, wußte es auf einmal, was zu tun war. Scheu blickte
die Kleine um sich. Als sie niemanden in der Nähe entdeckte, strich
sie zärtlich mit den Händen über die Rinde des Baumes. Leise flüsterte
sie dabei: ,,Ich mag dich, Baum. Ich halte zu dir. Gib nicht auf,
mein Baum!" Nach einer Weile rannte sie wieder los, weil sie ja zur
Schule mußte. Es machte ihr nichts aus, daß sie zu spät kam, denn
sie hatte ein Geheimnis und eine Hoffnung. Der Baum hatte zuerst gar
nicht bemerkt, daß ihn jemand berührte. Er konnte nicht glauben, daß
das Streicheln und die Worte ihm galten - und auf einmal war er ganz
verblüfft, und es wurde sehr still in ihm. |
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Als
das Mädchen wieder fort war, wußte er zuerst nicht, ob er lachen oder
weinen sollte. Dann schüttelte er seine Krone leicht im Wind, vielleicht
ein bißchen zu heftig, und sagte zu sich, daß er wohl geträumt haben
müsse. Oder vielleicht doch nicht? In einem kleinen Winkel seines
Baumherzens hoffte er, daß es kein Traum gewesen war. Auf dem Heimweg
von der Schule war das Mädchen nicht allein. Trotzdem ging es dicht
an dem Baum vorbei, streichelte ihn im Vorübergehen und sagte leise:
,,Ich mag dich und ich komm bald wieder." Da begann der Baum zu glauben,
daß er nicht träumte, und ein ganz neues, etwas seltsames Gefühl regte
sich in einem kleinen Ast. Die Mutter wunderte sich, daß ihre Tochter
auf einmal so gerne einkaufen ging. Auf alle Fragen der Eltern lächelte
die Kleine nur und behielt ihr Geheimnis für sich. Immer wieder sprach
das Mädchen nun mit dem Baum, umarmte ihn manchmal, streichelte ihn
oft. Er verhielt sich still, rührte sich nicht. Aber in seinem Innern
begann sich etwas immer stärker zu regen. Wer ihn genau betrachtete,
konnte sehen, daß seine Rinde ganz langsam eine freundlichere Farbe
bekam. Das Mädchen jedenfalls bemerkte es und freute sich sehr. Der
Gärtner und seine Frau, die den Baum ja vor vielen Jahren gepflanzt
hatten, lebten regelmäßig und ordentlich, aber auch freudlos und stumpf
vor sich hin. Sie wurden älter, zogen sich zurück und waren oft einsam.
Den Baum hatten sie so nach und nach vergessen, ebenso wie sie vergessen
hatten, was Lachen und Freude ist - und Leben. Eines Tages bemerkten
sie, daß manchmal ein kleines Mädchen mit dem Baum zu reden schien.
Zuerst hielten sie es einfach für eine Kinderei, aber mit der Zeit
wurden sie doch etwas neugierig. Schließlich nahmen sie sich vor,
bei Gelegenheit einfach zu fragen, was das denn soll. Und so geschah
es dann auch. Das Mädchen erschrak, wußte nicht so recht, wie es sich
verhalten sollte. Einfach davonlaufen wollte es nicht, aber erzählen,
was wirklich war - das traute es sich nicht. |
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Endlich
gab die Kleine sich einen Ruck, dachte: ,Warum eigentlich nicht?"
und erzählte die Wahrheit. Der Gärtner und seine Frau mußten ein wenig
lachen, waren aber auf eine seltsame Weise unsicher, ohne zu wissen,
warum Ganz schnell gingen sie wieder ins Haus und versicherten sich
gegenseitig, daß das kleine Mädchen wohl ein wenig verrückt sein müsse.
Aber die Geschichte ließ sie nicht mehr los. Ein paar Tage später
waren sie wie zufällig in der Nähe des Baumes, als das Mädchen wiederkam.
Dieses Mal fragte es die Gärtnersleute, warum sie denn den Baum so
zurechtgestutzt haben. Zuerst waren sie empört, konnten aber nicht
leugnen, daß der Baum in den letzten Wochen ein freundlicheres Aussehen
bekommen hatte. Sie wurden sehr nachdenklich. Die Frau des Gärtners
fragte schließlich: ,,Meinst du, daß es falsch war, was wir getan
haben?" ,,Ich weiß nur", antwortete das Mädchen, ,,daß der Baum traurig
ist. Und ich finde, daß das nicht sein muß. Oder wollt ihr einen traurigen
Baum?" ,,Nein!" rief der Gärtner. ,,Natürlich nicht. Doch was bisher
gut und recht war, ist ja wohl auch heute noch richtig, auch für diesen
Baum." Und die Gärtnersfrau fügte hinzu: ,Wir haben es doch nur gut
gemeint." ,,Ja, das glaube ich", sagte das Mädchen, ,,ihr habt es
sicher gut gemeint und dabei den Baum sehr traurig gemacht. Schaut
ihn doch einmal genau an!" Und dann ließ sie die beiden alten Leute
allein und ging ruhig davon mit dem sicheren Gefühl, daß nicht nur
der Baum Liebe brauchen würde. Der Gärtner und seine Frau dachten
noch sehr lange über dieses seltsame Mädchen und das Gespräch nach.
Immer wieder blickten sie verstohlen zu dem Baum, standen oft vor
ihm, um ihn genau zu betrachten. Und eines Tages sahen auch sie, daß
der Baum zu oft beschnitten worden war. Sie hatten zwar nicht den
Mut, ihn auch zu streicheln und mit ihm zu reden. Aber sie beschlossen,
ihn wachsen zu lassen, wie er es wollte. |
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Das
Mädchen und die beiden alten Leute sprachen oft miteinander - über
dies oder das und. manchmal über den Baum. Gemeinsam erlebten sie,
wie er ganz behutsam, zuerst ängstlich und zaghaft, dann ein wenig
übermütig und schließlich kraftvoll zu wachsen begann. Voller Lebensfreude
wuchs er schief nach unten, als wolle er zuerst einmal seine Glieder
räkeln und strekken. Dann wuchs er in die Breite, als wolle er die
ganze Welt in seine Arme schließen, und in die Höhe, um allen zu zeigen,
wie glücklich er sich fühlt. Auch wenn der Gärtner und seine Frau
es sich selbst nicht trauten, so sahen sie doch mit stiller Freude,
daß das Mädchen den Baum für alles lobte, was sich an ihm entfalten
und wachsen wollte. Voll Freude beobachtete das Mädchen, daß es dem
Gärtner und seiner Frau beinahe so ähnlich erging wie dem Baum. Sie
wirkten lebendiger und jünger, fanden das Lachen und die Freude wieder
und stellten eines Tages fest, daß sie wohl manches im Leben falsch
gemacht hatten. Auch wenn das jetzt nicht mehr zu ändern wäre, so
wollten sie wenigstens den Rest ihres Lebens anders gestalten. Sie
sagten auch, daß sie Gott wohl ein wenig falsch verstanden hätten,
denn Gott sei schließlich Leben, Liebe und Freude und kein Gefängnis.
So blühten gemeinsam mit dem Baum zwei alte Menschen zu neuem Leben
auf. Es gab keinen Garten weit und breit, in welchem ein solch schief
und wild und fröhlich gewachsener Baum stand. Oft wurde er jetzt von
Vorübergehenden bewundert, was der Gärtner, seine Frau und das Mädchen
mit stillem, vergnügtem Lächeln beobachteten. Am meisten freute sie,
daß der Baum all denen Mut zum Leben machte, die ihn wahrnahmen und
bewunderten. Diesen Menschen blickte der Baum noch lange nach - oft
bis er sie gar nicht mehr sehen konnte. Und manchmal begann er dann,
so daß es sogar einige Menschen spüren konnten, tief in seinem Herzen
glücklich zu lachen |
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